wie Jugendliche Abitur und Arbeit verbinden

Von Jana Müller, Jugendredaktion

Anfang April ist es wieder so weit: tausende Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg stellen sich den Abiturprüfungen. Darunter auch etwa 100 Jugendliche der Abschlussklasse des Leibniz-Gymnasiums in Rottweil. Doch obwohl nun die intensive Lernphase beginnen sollte, trennen sich viele Schüler nicht von ihren Nebenjobs. Das Schlagwort „Abitur“ mag wohl bei den meisten Absolventen per se ein mulmiges Gefühl auslösen. Sind wirklich alle Materialien besorgt? Habe ich schon sämtliche Präsentationen gehalten? Sollte ich noch mehr lernen? Mit Sicherheit! Doch Lernen braucht Zeit, gerade vor dieser wichtigsten Prüfung zur Krönung der bisherigen Schulkarriere. Da ist die Freude auf die freie Zeit nach dem Abitur riesig: reisen, die Welt entdecken, sich etwas gönnen. Doch ein Jahr Australien finanziert sich nicht von selbst. Die Lösung: ein Nebenjob. Vom klassischen Kellnerjob über den Tankwart bis zur Apothekenaushilfe ist fast alles dabei. Trotz vielfältiger und anstrengender Aufgaben ist jedoch meist nicht mehr als 8,50€ Lohn zu erwarten. Und die Schüler finden sich damit zurecht. So auch Jonathan van Spankeren (18), Schüler der Kursstufe II des LG. Sechs Stunden arbeitet der Abiturient jedes Wochenende. Sechs Stunden, in denen er nicht lernen kann. Und nun kann man schon ahnen, was kommen wird: Böse Zungen, die sich über die Kürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre auslassen und langwierige Tiraden über die sinkende Qualität der Ausbildung und gestresste Schüler unter zu hohem Leistungsdruck.  Doch Silke Pach, Lehrerin am LG, ist überzeugt, das Problem sei nicht G8. Es liege vielmehr an den sich verändernden Lebensumständen mit dem zunehmenden multimedialen Einfluss auf die jungen Erwachsenen. Von Playmobil zur Playstation, um es kurz zu fassen. Ciaran Green (17), ebenfalls Abiturient am LG, reagierte auf die neuen Umstände mit der Kündigung seiner Arbeitsstelle. Statt zehn Stunden Teller spülen, kann er nun jede Woche zehn Stunden mehr lernen. Trotzdem sagt der Schüler selbst: „Die Situation ist wirklich nicht ideal. Ich brauchte mehr Zeit, um zu lernen, aber das Taschengeld von zuhause ist einfach lange nicht mehr genug.“ Ähnlich wie Ciaran Green geht es etlichen anderen Jugendlichen auch: Handyvertrag, Mittagessen, Kleidung, Auto, Roller, Motorrad und abends mal ausgehen haben ihren Preis. Und die laut verschiedenster Statistiken angegebenen fünfzig Euro Taschengeld im Monat für Jugendliche im Abiturientenalter sind für viele reine Utopie. Nichtsdestotrotz schwingt in der Diskussion sofort die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit dieses Systems mit. Wer viel arbeiten muss, kann weniger lernen – wer wenig arbeiten muss, bekommt ein besseres Abitur? Chancengleichheit für alle, oder doch nur für alle, die es sich leisten können? Derart schwarz-weiß wird es nicht sein. Eines steht jedoch fest: Die Abschlussklassen spiegeln wie kaum ein anderes Phänomen die Vielfältigkeit einer Gesellschaft wider, egal ob detailliert oder differenziert, politisch aktiv oder uninteressiert, aufgeschlossen oder abgeneigt, angesagt oder randläufig, multikulturell oder traditionell. Die Schule bereitet diese jungen Menschen, wie verschieden sie auch sein mögen, auf das Leben vor, der Nebenjob hingegen, auf die Lebenssituation im Studium und danach. Aus jugendlicher Sicht ergibt sich in diesem Zusammenhang noch eine weitere Zwickmühle, die ein Erwachsener kaum zu glauben vermag: Der Drang zu arbeiten scheint proportional mit der Unlust aufs Lernen zu steigen. Dieses Problem kennt auch András Ludl (20), Mitarbeiter eines Lebensmittelmarktes und Schüler am LG, der auf seinen Zusatzverdienst keinesfalls verzichten möchte. Natürlich ist ihm die Wichtigkeit der kommenden Monate bewusst, weshalb zumindest drei Wochen Urlaub zugunsten des Abiturs eingeplant sind. Denn das ist es wohl, was man den Ernst des Lebens nennt. Und fragt man dann einmal, wie es weitergeht nach den Prüfungen lautet die Antwort nur allzu oft: arbeiten.