Peter Stamm steht bei der Autorenlesung seinem jungen Publikum Rede und Antwort

Von Katrin Strasser Foto: S.Bekesi
Die großen Gefühle gehören für ihn in Bücher hinein, sagt er, und doch sei gerade Pathos auch immer ein Risiko. Vielleicht, weil es wenig pathetisch klingt, als er vor mehr als 400 Oberstufenschülern des LG, DHG und AMG wiederholt, was Organisatorin Silke Pach gerade angekündigt hat. „Der Sportunterricht fällt heute aus.“ Und dann grinst der Mann im hellblau-karierten Hemd breit. „Es gibt keinen Satz, der mir in der Schule mehr gefallen hätte“, verrät Peter Stamm, schlägt das Buch auf, das er vor sich liegen hat, und beginnt zu lesen.
„Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.“ Nicht mehr lange müssen sich die Gymnasiasten in Baden-Württemberg fragen, ob die gleichnamige Protagonistin aus Stamms Erstlingsroman „Agnes“ am Ende nun wirklich tot ist. Für nur noch zwei Jahrgänge zählt das Werk des Schweizer Schriftstellers zu den Pflichtlektüren für das Deutsch-Abitur. Und doch haben sie an diesem Nachmittag im Festsaal der Gymnasien die einmalige Chance, einen lebenden Schriftsteller persönlich kennenzulernen, einen, mit dessen Werk sie sich im Unterricht auseinandersetzen müssen. Ihn können sie nun all das fragen, was man mitunter auch einmal gerne Kafka oder Frisch gefragt hätte. Ob er in seinen Romanen Autobiografisches verarbeite? Ob er die Geschichte und die Figuren jeweils im Voraus plane? Wie lange er an einem Buch schreibe oder ob ihm die Romanverfilmung von „Agnes“ gefalle?
Mit Sicherheit spricht Stamm dem einen oder der anderen aus dem Herzen, wenn er im Anschluss an seine Lesung dafür plädiert, dass man Bücher, die einem nicht gefallen, auch nicht zu Ende lesen sollte. Dass so viele junge Menschen „Agnes“ nun zwangsweise hätten lesen müssen, freue ihn natürlich trotzdem. „Es ist mein erfolgreichstes Buch, das ist eine Tatsache“, gibt er unumwunden zu. „Schließlich wurde es am meisten verkauft.“ Ob es auch das beste seiner zahlreichen Bücher sei, halte er wiederum für Geschmackssache. Das sei wie mit Spargel, erläutert der Schriftsteller. Es gebe Menschen, die keinen Spargel mögen: „Dabei ist das ein ganz tolles Gemüse.“ Wenn es um seine eigenen Bücher geht, will sich Stamm nicht festlegen. „Ich habe zu jedem meiner Bücher eine ganz eigene Beziehung, die sich nicht einfach so auf einer Skala von eins bis zehn, von sehr gut bis schlecht, abbilden lässt.“ Allerdings sei „Agnes“ sein erster Roman gewesen und allein schon deshalb etwas ganz Besonderes, auch wenn er schon „irgendwie ganz weit weg“ ist: „Ich habe vor 24 Jahren angefangen, an ‚Agnes’ zu schreiben.“
Betrachte er Agnes heute als Leser, so glaube er immer mehr – je älter er selbst werde – dass Agnes nicht tot sei. Dennoch hütet sich Stamm davor, diese Leerstelle für die Schüler zu füllen. Beim Lesen gehe es doch auch immer darum, für sich selbst etwas zu entdecken. „Jeder macht etwas anderes daraus. Nicht die eigene Meinung ist im Anschluss interessant, sondern die Begründung. Das kann mitunter sehr entlarvend sein.“ Und hier spricht Stamm wahrscheinlich eher den Deutschlehrern aus dem Herzen: „Man muss ein Buch schon ganz genau lesen – vielleicht auch zwei- oder dreimal“, empfiehlt er seinem jungen Publikum, das schließlich die Aufgabe hat, seinen Roman zu interpretieren. Eine von ihm autorisierte Interpretation gebe es allerdings nicht, betont Stamm. „Ich persönlich erwarte von Büchern, dass sie mich nachdenken lassen, dass sie mich die Welt anders sehen lassen.“ Darum gehe es für ihn in der Literatur.